Fast verpasst – 20 Kilometer bis zur neuen Brille

Eigentlich war die Brillensprechstunde am Freitag, den 10. Juli, bereits beendet. Die Messgeräte waren ausgeschaltet, die Brillenkästen schon fast verstaut. Da trat Dorotha Frauböse, Pastorin der St. Georgs Gemeinde in den Raum und bat das MEHRBLICK-Team um einen kleinen Gefallen: Ob wir noch ein paar Minuten auf einen Mann warten könnten? Er sei gerade mit seinem alten Fahrrad aus Hamburg-Rissen auf dem Weg zu uns – fast 20 Kilometer entfernt.

Altes Fahrrad angelehnt an Baumstamm im Wald ©Manfred Antranias_pixabay

Ein Sozialarbeiter hatte ihn auf das heutige MEHRBLICK-Angebot aufmerksam gemacht. Er wollte die Chance unbedingt nutzen.

Jeder Kilometer hatte einen Grund

Natürlich wartete das MEHRBLICK-Team. Keine zehn Minuten später kam ein älterer Mann in Funktionskleidung zur Tür herein. Er war sichtlich außer Atem, entschuldigte sich für die Verspätung und freute sich, dass wir noch da waren.

Im Gespräch erzählte er, dass er seit zwei Jahren in einem Zelt im Wald lebt. Seit einigen Monaten merke er, dass seine Augen immer schlechter werden. Besonders das Lesen falle ihm zunehmend schwer – und das belaste ihn sehr, denn Bücher seien ein wichtiger Teil seines Alltags.

Ein kleiner Moment mit großer Wirkung

Die Untersuchung brachte eine gute Nachricht: Seine Sehkraft in der Ferne war unverändert gut. Was ihm fehlte, war eine Lesebrille. Schon nach wenigen Minuten war das passende Modell im mobilen MEHRBLICK-Lager gefunden. Er setzte die Brille auf, schaute in den Spiegel und lächelte.

„Damit sehe ich ja wie ein richtiger Gelehrter aus. Dann hat sich die Tour hierher für mich doch noch gelohnt! Jetzt kann ich wieder entspannt meine vielen Bücher lesen. Danke ihr habt mir wirklich sehr geholfen“.

Es war wieder einer dieser Augenblicke, die zeigen, was der Wunsch nach besserem Sehen bewirken kann.

Was bleibt

Besucher in St. Georg Kirche, Hamburg mit Mitarbeiter ©MEHRBLICK

Als er sich mit seiner neuen Lesebrille wieder auf den Heimweg machte, blieben bei unserem Team viele Gedanken zurück.

Warum lebt dieser freundliche, aufgeschlossene Mann allein in einem Zelt im Wald? Welche Bücher begleiten ihn durch seinen Alltag? Hat er Menschen, die nach ihm fragen? Freunde? Familie? – Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur, dass er Kontakt zu einem Sozialarbeiter hat. Das gibt Hoffnung. Und doch bleibt das Gefühl der Ohnmacht. Es macht nachdenklich, dass Menschen in unserem Land in Isolation leben müssen oder diesen Weg wählen, um ihren Alltag zu bewältigen.

Genau deshalb sind unsere kostenlosen Brillensprechstunden so wichtig. Sie schenken nicht nur besseres Sehen, sondern manchmal auch das Gefühl, gesehen zu werden.

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